Julchen, die Friedhofskatze

Im Juni 2015 setzte ich mich traurig auf die Bank am Eingang des Nordfriedhofs, gegenüber der Trauerhalle. Mein lieber Mann war vor kurzer Zeit verstorben. Versunken in meine Gedanken, spürte ich plötzlich etwas Weiches an meinem Bein und mit einem leisem „Miau“ begrüßte mich eine Katze.

„Oh, wer bist du denn, mein Schöne?“, fragte ich die Katze, und damit begann unsere Freundschaft. „Ich bin Julchen, die Friedhofkatze und ich möchte dir etwas aus meinem Leben erzählen:

Wie du siehst, bin ich eine sogenannte Glückskatze. Glückskatzen haben ein wunderschönes Fell in drei Farben. Ich glaube, ich habe sogar vier Farben. Und das Besondere ist: Glückskatzen sie sind immer weiblich.

Aber jetzt von Anfang an:

Ich bin heute 21 Jahre alt, was man mir aber nicht ansieht. Ich wohne bei Familie Schubert, dem Friedhofsverwalter, und habe sogar eine Katzenklappe, die mir ermöglicht, mich nach Herzenslust draußen zu bewegen. Geboren bin ich 1997... Ich lebte 10 Jahre als Wohnungskatze bei einer Familie. Doch dann geschah etwas Schreckliches. Ein Familienmitglied bekam eine schlimme Allergie, unter anderem gegen Katzenhaare.“

„Was machen wir jetzt mit Julchen?“, war die Frage, als die Familie sich zusammensetzte. Sie waren sehr traurig,  sich von mir trennen zu müssen.

Ich stellte mich schlafend, spitzte aber die Ohren, denn es ging schließlich um mein Schicksal. „Oje, wir müssen sie ins Tierheim bringen, wenn wir keinen finden, der sie nimmt.“ Tierheim?! Da möchte ich nicht hin, das ist ja wie ein Gefängnis, dachte ich. Auch meine Besitzer waren über diese Lösung nicht glücklich und beschlossen, nach einer anderen  zu suchen.

Am nächsten Tag kam mein damaliges Frauchen glücklich von der Arbeit nach Hause. „Ich habe die Lösung!“, rief sie freudig ihrer Familie zu, die sich schon um den Tisch versammelt hatte.  „Welche Lösung?“ „Für Juchen!“ „Ihr kennt doch meine Arbeitskollegin, die mit dem Friedhofsverwalter verheiratet ist und auf dem Friedhof wohnt. Die würden Julchen aufnehmen.“

Friedhof? Ich hör´ wohl nicht richtig? Was soll ich denn da? Begeistert war ich nicht, aber immer noch besser als Tierheim. Also wurde ich am nächsten Tag in den Katzentransport-Korb gesteckt und zu meiner neuen Familie gebracht. Sehr freundlich wurde ich empfangen und mein außergewöhnliches Fell bewundert. Besonders schön fanden sie meine grünen Augen. Das war ja schon mal ein guter Start, dachte ich. Doch es wurde noch besser. Nach kurzer Eingewöhnungszeit in meinem neuen gemütlichen Zuhause, fanden meine Besitzer, dass ich jetzt mal Freigang haben könnte. „Komm Julchen, heute ist der Tag, an dem du deine kleine Welt erforschen darfst“, sagten sie und öffneten die Tür weit. Bisher hatte ich nur durch das Glasfenster das Treiben  beobachten können.

Vorsichtig, eine Pfote vor die andere setzend, jederzeit bereit die Flucht ins Haus zu ergreifen, ging ich ins Freie. (Du darfst nicht vergessen, ich war 10 Jahre eine Wohnungskatze.)

Die Gerüchte, die Geräusche, der Boden unter meinen Pfoten… mal hart, dann weich… Ich war überwältigt. Es war herrlich! Und nach einem größeren Spaziergang    kehrte ich glücklich in mein schönes Zuhause zurück. Nach einer köstlichen Mahlzeit rollte ich mich in mein Katzenkörbchen und schlief glückselig ein. „Weißt du, seit dieser Zeit mache ich jeden Tag meine Runden.  Denn schnell fand ich Gefallen daran, die Besucher des Friedhofs zu begrüßen. Beim Betreten des Friedhofs halten heute schon viele Besucher nach mir Ausschau.

Mit etlichen habe ich mich angefreundet und manchem traurigen Menschen zaubert mein Anblick ein Lächeln ins Gesicht. Oft bringen sie mir Geschenke in Form von Leckerlis mit.

Friedhofskatze Julchen2Doch die Krönung sind die Damen von Café T.O.D. Bei ihnen habe ich ein eigenes Tellerchen, das regelmäßig gefüllt wird. Manchmal geben sie mir nur Trockenfutter und denken, ich sei satt. Dann gehe ich vor den Schrank, wo das Futter aufbewahrt wird, miaue, und mein Wunsch wird sofort erfüllt.  Ich bin jetzt schon ein altes Mädchen und blicke auf ein schönes Leben zurück, in dem ich vielen Menschen Freude bereitet habe und auch viel Liebe erfahren durfte.“

Ich bin traurig, wenn Julchen nicht da ist, doch dann taucht sie plötzlich auf und mein Herz erfüllt sich mit Freude.

Ilse Schneider, Siegburg